In der Hand des Knaben die Zügel


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Buchvorstellung:

Erzählungen von Walter Foelske






Hier werden Ihnen die Erzählungen
von Walter Foelske


vorgestellt:



Es handelt sich um 28 teils kurze, teils lange Erzählungen von Walter Foelske, gesammelt aus mehreren Jahrzehnten, aber auch einige neue, eigens für diese Veröffentlichung zusätzlich verfaßt. Die Texte ziehen in ihren Bann, beeindrucken, ja begeistern. Dies ist ein Geschenk an alle, die empfinden wie die Protagonisten in diesen Geschichten. Die wenige Literatur auf diesem Gebiet wird durch dieses Buch enorm bereichert.

Walter Foelske ist ein zutiefst Eingeweihter. Er weiß, wovon er spricht, erschafft die Innenschau einer Gefühlswelt, über die sonst kaum einer Bescheid weiß - oft nicht einmal die Betroffenen selbst.
Diese Erzählungen sind schonungsloses, aber ehrlich und zutiefst glaubwürdig. Sie glätten oder verharmlosen nichts, greifen auch Heikelstes auf. Eine eigene Welt wird durchleuchtet, Verschwiegenes und Verstecktes bloßgelegt.

HEUTE HAT DEN GANZEN TAG DIE SONNE GESCHIENEN ist der Titel einer kleinen Geschichte. Der Ich-Erzähler, ein depressiver Einzelgänger, geht in ein sogenanntes Krüppelheim, in dem eine Aufführung vom städtischen Schauspiel geboten wird.
Doch das ist eigentlich unbedeutend. Von Belang ist vielmehr, daß er, beim Warten auf den Vorstellungsbeginn, behinderten Jungen beim Billardspiel zuschaut, die fanatisch für die nächste Jugendmeisterschaft üben.
Zuletzt ist ihm, als hätte heute den ganzen Tag die Sonne geschienen: denn Sonne, Wärme, Helligkeit, Geborgenheit sind ihm diese behinderten Jungen, denen seine ganze Zuneigung gehört und die seinen Beschützerinstinkt wecken.

Foelske breitet in diesem Buch sein Können auf den verschiedensten Ebenen aus. Er beherrscht das Drama, die Komödie, die Farce und versteht es auch, in epischer Breite zu erzählen. Für den, der zu lesen weiß, wird es nie langweilig: dicht sind die Texte gewebt. Da gibt es keinen Durchhänger. Wer diesen Kosmos durchlesen hat, dem differenziert sich vieles, wovon er keinen Schimmer hatte.
Ein solches Buch tut mehr für die Ausgegrenzten und von der öffentlichen Meinung Verdammten als all die Sonntagsreden über Humanität, Pseudoprojekte und Therapieangebote für die vermeintlich Kranken. Dieses Buch ist überfällig. Es scheut auch nicht vor Abgründen zurück, schon gar nicht vor krampfhaft Verschwiegenem und Gemiedenem.
Es ist ein Insiderbuch von jemandem, der sich nicht darum schert, guten Eindruck auf andere zu machen, der sich nur einer Wahrheit verpflichtet fühlt, die er schnörkellos ausspricht.

Es beginnt mit einem lichten knappen Text, der quasi freundlich einlädt in dieses später oft noch düstere Buch.
Drei Knirpse besuchen einen Nachbarn, der eine Schaukel für die Kinder in dieser Siedlung spendiert hat, und wollen ihm zusätzlich noch ein Trampolin abschwatzen. Schon unter den drei kleinen Jungen, von denen der jüngste eine Hasenscharte hat, toben Machtkämpfe, schon die Achtjährigen sind ausgekochte Schlawiner, die auf ihre naive Art und Weise ihre Interessen durchsetzen. Hier wird nicht verniedlicht, sondern mit scharfen Strichen werden die Charaktere skizziert.

Schon der nächste größere Text, DER TOTE LIEGT NEBENAN, ist eine Art Abgrund. Auch hier geht es um Nachbarschaftsbeziehungen. Wieder ein junger Mann, Einzelgänger, frisch geschieden, und als Gegenpart der pubertierende Junge in einer Familie im selben Haus, die in ihrer engen Wohnung unter akuter Raumnot leidet, nachdem sich polnische Verwandtschaft überfallartig bei ihr einquartiert hat.
Der Mann bietet dem Jungen einen ruhigen Raum in seiner eigenen Wohnung an, in dem er seine Schularbeiten machen kann. Tragische Verwicklungen bahnen sich an, unvorhergesehene Ereignisse überstürzen sich: wie das alles ineinandergreift bis zur abrupten Katastrophe, das ist atemberaubend.
Der Text ist sprachlich ganz lapidar, fast protokollartig, ohne daß Gefühle analysiert werden. Um so erschütternder der jähe, unvorhergesehene Schluß.

Hier soll jetzt nicht jede einzelne Geschichte besprochen, sondern nur ein Eindruck von der Wirkung gegeben werden, den sie erzeugen. Es sind schwarze, tieftraurige, aber auch heitere und ironische Erzählungen darunter. Alle sprechen von einem Grundgefühl: der Hingezogenheit zu Jungen, ebenso von der Faszination, die Männer auf sie ausüben.
Sie, die Jungen, stecken ebenso in Zwängen wie ihre Partner, und die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, sind das Ferment dieser Erzählungen.
Es ist von Jungen die Rede, die sich nach Liebe und Zärtlichkeit sehnen, manchmal auch, verstörend genug, über sadomasochistische Umwege.

Im MONOLOG wird vor allem die allgemein herrschende Verlogenheit aufgedeckt und seziert. Auch von gegenseitigem Mißbrauch ist die Rede. Da nutzen Freier die Notsituation von Strichern aus und verlangen Abstruses von ihnen. Umgekehrt sind auch Jungen nicht eben sanftmütig gegenüber ihren Verehrern. Einmal wird ein Kaufhausdetektiv, der die Schwäche hat, einem ertappten jugendlichen Dieb zu helfen, von diesem, eben noch ein Häuflein Elend, gnadenlos niedergeschlagen und beraubt: der Autor enthält sich einer Wertung, registriert nur, und das tut oft weh.

Es kommen in diesem Buch auch ausladend große Erzählungen zu Gehör. MENSCHENFLEISCH, eine kafkaeske Groteske, eine in den Wahnsinn kulminierende Obsession, die ein Mann zu einem schwarzen Jungen hat.
Foelske scheut sich ebenfalls nicht, politisch unkorrekt zu sein, vermeidet also die Fettnäpfchen nicht, die die tumben Knigges des guten Umgangstons allenthalben aufstellen, scheinbar nur dazu da, entweder unentwegt reinzutreten oder absolut verlogen zu machen, um das zu vermeiden.

In die Jungen wird tief hineingehorcht. LUFTGESCHREI ist so ein Beispiel, wo ein Junge magersüchtig wird aus Abscheu vor dem allgemeinen Fressen und Gefressenwerden.
Andererseits gibt es Protagonisten, die auf Roheiten geradezu fixiert sind, etwa der masochistisch veranlagte Junge in IM ERSTEN MORGENROT, gleichzeitig äußerst sensibel auch er: abgründig, wie sich für ihn Liebe verwirklicht, nicht durch Zärtlichkeit, sondern durch Schläge, und er trifft auf einen Mann, der ihn schlägt nicht aus Grausamkeit, sondern weil er ihn liebt - eine erstaunliche, dem erschrockenen Leser durch und durch fremde Welt.

Eine zum Schreien schrille Geschichte ist NEVIL. Ein Einzelfallhelfer soll, vom Jugendamt für ein Stundenhonorar beauftragt, einen äthiopischen Heimjungen zur Reittherapie ans andere Ende der Stadt bringen und wieder zurückbegleiten. Die sich daraus ergebenden Komplikationen und Katastrophen werden in einer drastischen Komik präsentiert, die gleichzeitig Mißstände entlarvt.
Immer das Sichreiben individueller Bedürfnisse/Leidenschaften an gesellschaftlich wie Gefängnismauern errichteten Regeln erzeugt die verwirrendsten Konstellationen.

Zum Schluß das fulminante Fritz-Kapitel aus Foelskes Opus Magnum IM WIESENFLECK.
Karls erste Liebe zu einem Schulkameraden in den Zeiten des zweiten Weltkriegs bei Bombenterror und Bunkerhorror. Ein packender Text, so gnadenlos wie herzzerreißend: die Mutter "das magere Glück"; der trampelnde und schreiende, aber um seine Familie dennoch verzweifelt bangende Vater; der verdrehte Junge, den keiner versteht, dem sein Schulkamerad Fritz in Kopf und Leib spukt: ein unglaublich intensiver Abschluß dieses Erzählwerks, lange nachklingend, tief bewegend.

Ein Glück, daß es dieses erstaunliche Buch zu dieser Thematik jetzt endlich gibt, in dem Foelske alte und neue Texte zusammenfaßt und somit eine Welt schafft, die in ihrer Vielfalt kaum je so treffend beschrieben wurde: ein Geschenk für Leute, die sich darin wiedererkennen - abgesehen von der virtuosen Erzählkunst dieses Autors.








Walter Foelske
28 Erzählungenn, 391 S.
Trotz Verlag 2010

17,80 € als Taschenbuch

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