
"Wir sind", sagt Kolbenhuber und fixiert das Bronzekreuz mit dem Bronze-Jesus über dem Kopf des Friedhofdirektors, "wir, meine Frau und ich, sind tatsächlich Freunde des von Ihnen gehegten Stückchens Erde hier."
"Fans", sagt die Frau.
"Sag nicht Fans", weist Kolbenhuber sie zurecht. "Schon immer, lange vor der Tragödie mit unserem Sohn..."
"Von welcher Tragödie reden Sie?" will der Friedhofsdirektor wissen.
" ...sind wir täglich, und von Tag zu Tag mit immer größerer Anteilnahme..."
"Leidenschaft!" ruft die Frau.
" ...mit immer drängenderer Leidenschaft an den Grabreihen entlang, in die Grabfelder hinein und vor den ausdrucksvollsten Grabmälern nicht aufs Knie, aber mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen in Habachtstellung, sozusagen."
"Vor den betenden Marmorhänden und den in Bronze gegossenen Lämmern Gottes", nickt die Frau.
"Ich wäre Ihnen überaus dankbar", sagt der Friedhofsdirektor, "wenn Sie jetzt zur Sache kämen."
"Wir sind bei der Sache", sagt Kolbenhuber. "Nicht von ungefähr haben wir unseren lieben Sohn auf diesem Stückchen Erde zur ewigen Ruhe gebettet, wo es uns doch freigestanden hätte, ihn überall, sogar auf Melaten, sogar auf allen möglichen, von keinem Gift zerfressenen Waldfriedhöfen um Köln herum, der Krume und dem lieben Gott zu übergeben."
"Was reden Sie da von Gift?" fragt der Friedhofsdirektor.
"Eben weil wir Fans Ihres Ackers sind", ruft die Frau, "haben wir alle Bedenken gegen dies und das unter den Teppich gekehrt und unser Kind Ihren schonenden Händen anvertraut."
"Das ehrt mich", sagt der Friedhofsdirektor und rückt seine schwarzweiße Krawatte zurecht.
"Natürlich", winkt Kolbenhuber seine Frau in ihre Schranken, "natürlich konnten wir nicht wissen, daß über unseren Lothar, kaum daß er in seinem Mahagonisarg zur letzten Ruhe gebettet ist, ein solches Unglück hereinbricht."
"Von welchem Unglück reden Sie?" fragt der Friedhofsdirektor.
"Tatsache ist", fährt der Vater fort, "unser Lothar ist ein ehrbarer Toter, ein auf ehrbare Weise unter die Räder gekommener Unfall-Toter."
"Mit vierzehn von einem Sattelschlepper in die Erde gestampft", weint die Mutter.
"Sag nicht Sattelschlepper", protestiert Kolbenhuber, "LKWs, die einen Anhänger hinter sich her schleppen, sind keine Sattelschlepper, sondern LKWs, die einen Anhänger hinter sich her schleppen. Kurz: unser Kind ist Opfer eines Verkehrsrowdys, eines Straßenmörders!"
"Hilft Ihnen eine Tasse Kaffee?", fragt der Friedhofsdirektor die Mutter, die aber schüttelt den Kopf.
"Natürlich kann man sich seine Bettnachbarn nicht von vornherein aussuchen", fährt Kolbenhuber fort, "ein Friedhof ist kein Viersterne-Hotel und ein Friedhofsbett keine Luxusliege."
"Obwohl wir ihn", unterbricht ihn die Frau, "auch in seinem Mahagonisarg auf Daunenkissen gebettet und mit einem unverwüstlichen Metallhemd bekleidet haben."
"Sag nicht Metallhemd", protestiert der Mann. "unser Sohn", wendet er sich an den Friedhofsdirektor, "ist in eine Silberfolie eingeschweißt, der letzte Schrei, sozusagen, doch der Kopf, leider Gottes, liegt dennoch frei, das stolze Haupt unseres Kindes ist allen Witterungs- beziehungsweise giftigen Einflüssen von oben und unten, vor allem aber aus Nachbar- und Nebengräbern, schutzlos ausgeliefert."
"Wenn Sie jetzt endlich", schluckt der Friedhofsdirektor, "zum Kern Ihres Anliegens vorstoßen könnten."
"Ich stoße, mein Herr", nickt Kolbenhuber, "ich habe mich, und somit uns alle hier, in die Mitte meines Problems..."
"Und meines!", ruft die Frau.
"...hineingestoßen, indem ich die Gesellschaft, in der mein Sohn sich zwangsweise befindet, nämlich die Totenbruderschaft, der er gnadenlos ausgeliefert ist, in meiner Protestnote angerissen habe."
"Sie tragen eine Protestnote an mich heran?" ruft der Friedhofsdirektor und nestelt an seiner schwarzweißen Krawatte.
"Richtig", sagt Kolbenhuber, "wir, meine Frau und ich, sind hochtolerante, hocheinfühlsame, hochmotivierte Leute ohne Furcht und Tadel."
"Wir sind Fans von allem, was das zwischenmenschliche Miteinander zum Glänzen bringt, sozusagen", beteuert die Frau.
"Sag nicht Glänzen", tadelt der Mann, "wahr ist, daß wir mit jedem Hinzugelaufenen: unseren ausländischen Mitbürgern beispielsweise, unseren Wolgadeutschen und Arbeitslosen, mit allen denkbaren Gleich- und Andersgearteten, in einer unverkrampften, einer sozusagen flüssigen Verbindung stehen und nichts und niemand uns aus dem Gleichgewicht bringt. Wir dulden das Türkische neben dem Deutschen, das Eheliche neben dem Sittenlosen, das Gottgewollte neben dem Gottlosen, und sogar diesem Adam haben wir immer mit dem größten Respekt und dem einfühlsamsten Mitleiden unsere Sympathie bekundet."
"Wer, bitteschön, ist Adam?" will der Friedhofsdirektor wissen.
"Adam", ruft Kolbenhuber" ist der, um den es hier geht! Adam ist beziehungsweise war ein zuletzt zweiunddreißigjähriger Sohn hochachtbarer Eltern, Nachbarn von langer Hand sozusagen, der zwei Tage nach unserem armen Sohn ins Gras hat beißen müssen."
"Sag nicht Insgrasbeißen", lächelt die Frau den Friedhofsdirektor an, "mein Mann ist im Umgangssprachlichen leider ein Ausrutscher, wenn Sie wissen was ich meine."
"Leider weiß ich noch gar nichts", sagt der Friedhofsdirektor und lockert seine schwarzweiße Krawatte, "um was geht es eigentlich?"
"Um unseren Lothar", sagt Kolbenhuber, "und wie er, als Bettnachbar besagten Adams, trotz der von uns gemanagten Silberfolie langsam vor sich hin fault."
"Sag nicht Hinfault", ruft die Frau und fixiert den Bronze-Jesus über dem Kopf des Friedhofdirektors. "Wir haben alles getan, um ihn in seinem Mahagonibett sauber und rein zu halten, sind wir doch Fans einer sozusagen polierten Lebensweise und lassen unser Kind von keinem Stäubchen trüben."
"Wässerchen", sagt Kolbenhuber.
"Daß nun aber das Wässerchen von besagtem Adam..."
"Das Giftwässerchen!" ruft der Mann.
" ...unseren geliebten Sohn durchätzt, möglicherweise, halten wir für einen Skandal, der Ihrer, mein Herr, unwürdig ist", wendet sie sich an den Friedhofsdirektor, "der Ihren Ruhehain sehr bald in Mißkredit bringen wird."
"Ich bedaure", sagt die Friedhofsdirektor, "aber wenn Sie nicht bald Ihre Karten auf den Tisch legen, muß ich Sie aus diesem Direktionszimmer entfernen lassen."
"Besagter Adam", präzisiert Kolbenhuber, "liegt Seite an Seite mit unserem Lothar."
"Und was ist daran nicht in Ordnung?"
"Besagter Adam, in seinem dünnwandigen Fichtensarg, schwappt in der kürzesten Zeit zu unserem Lothar hinüber und in unseren Lothar hinein."
"Sag nicht: er schwappt", protestiert die Frau und riecht an ihrem Riechfläschchen.
"Wie es sich nun aber trifft und fügt", fährt Kolbenhuber fort, "wissen wir bis heute nicht, woran der junge Adam verreckt ist."
"Verreckt!" empört sich der Friedhofsdirektor.
"Verreckt, jawohl!" ruft die Frau und rüttelt am Direktorentisch. "Der junge Adam ist an seiner skandalösen Lebensweise, in die er auch unseren Lothar mit hineingerissen hat, zuletzt tatsächlich verreckt!"
"Alkohol, Nikotin, unsaubere Gelüste, Übergriffe auf Kind und Kegel, Schmusestündchen mit unserem minderjährigen Lothar! Ja darf man einen solchen Kindsverwüster neben einem unschuldigen Knaben wie unseren Lothar auch nur halbstundenweise als Giftleiche deponieren?"
"Mit anderen Worten," fragt der Friedhofsdirektor und reißt sich die schwarzweiße Krawatte vom Hals, "Sie denken an eine Umbettung Ihres Sohnes?"
"Umbettung?" empört sich Kolbenhuber. "Wenn hier einer ausgebuddelt und weggekarrt und an anderer Stelle verscharrt zu werden hat, dann doch nicht unser in Frieden ruhender Bub, sondern diese Päderastenleiche!"
"Die ja nicht erst seit heute ihre giftigen Tentakel nach unserem Kind ausstreckt!", ruft die Mutter. "Der junge Adam war zu Lebzeiten nicht nur ein von seiner lasterhaften Krankheit Gezeichneter, er war darüber hinaus auch noch in unseren Lothar vernarrt!"
"Ja glauben Sie denn," präzisiert Kolbenhuber, "unser Sohn wäre jemals, und zwar volltrunken, unter einen Sattelschlepper getorkelt..."
"LKW", korrigiert ihn die Frau.
" ...wenn er nicht durch diesen Wüstling zum Saufen, und nicht nur zum Saufen, verführt worden wäre?"
"Ihr Sohn", fragt der Friedhofsdirektor, "hatte ein Verhältnis mit diesem Adam?"
"Verhältnis?" fragt die entgeisterte Mutter.
"Verhältnis hin oder her" ruft der Vater, "unser Sohn war eine Art Märtyrer, ein, wenn Sie mich fragen, viel zu dünnhäutiger, geradezu heiligmäßiger Samariter."
"Sag nicht Heiligmäßig," wehrt sich die Frau. "Unser Sohn konnte niemandem etwas abschlagen, also ließ er sich von dem unsauberen Gesellen, diesem Adam, schamlos begrapschen und betasten, von diesem Kinderschänder, der ihn schon als Zwölfjährigen, wie wir heute wissen, unter seine Fittiche..."
"Sein Leinentuch!" ruft der Vater.
" ...gezerrt und ihn im Schutz eben dieses Leinentuches vergewaltigt hat, durchs Ohr", beteuert die Mutter, "mit Worten", präzisiert sie, "nicht, wie Ihre Phantasie sich das ausmalen mag," sagt sie zum Friedhofsdirektor, "durch körperliches Ineinanderhakeln."
"Der junge Adam war schwul, wie man heute zu sagen pflegt?" fragt der Friedhofsdirektor.
"Nicht schwul, kindstoll", sagt Kolbenhuber, "Tatsache ist, daß wir nicht im Traum daran gedacht haben, der junge Adam könnte die Dreistigkeit besitzen, unserem Sohn stehenden Fußes nachzusterben und dann noch aus seinem dünnwandigen Fichtensarg heraus, sein lasterhaftes Spiel mit ihm weitertreiben."
"Aber Tote," gibt der Friedhofsdirektor zu bedenken, "treiben keine wie auch immer gearteten Spiele mehr. Seit über fünfundzwanzig Jahren bin ich auf Friedhöfen installiert, sozusagen, und in der ganzen Zeit habe ich nie einen Tödling mit anderen Tödlingen diese Art Unwesen treiben sehen, wie Sie es Ihrem lieben Sohn und seinem Lover jetzt unterstellen."
"Lover!" empört sich die Mutter. "Die städtische Friedhofsbehörde sollte bei der Auswahl jener Männer, die sie zu Friedhofsdirektoren kürt, strenge Maßstäbe anlegen und so einen wie Sie gar nicht erst zu Potte kommen lassen!"
"Natürlich haben wir nichts gegen Schwule, zum Beispiel", sagt Kolbenhuber, "heutzutage legt man ihnen ja Teppiche aus bis in den Kölner Dom hinein, damit sie am Schrein der Heiligen drei Könige einander das Jawort geben, im Angesicht Gottes. Aber Kindsvergewaltiger! Die gehören noch als Tote ausgemerzt!"
"Wir müssen ja noch froh sein", sagt die Mutter, "daß mein Sohn und der junge Adam früh genug ins Gras gebissen haben, denn unserem Lothar wäre zuzutrauen gewesen, daß er ihm, den er so vergöttert hat, noch auf dem Totenbett, dem des jungen Adam, das Sakrament der heiligen Ehe aufgezwungen hätte, aus reiner Nächstenliebe, nicht weil er im Homophilen oder gar Päderastischen zu Hause gewesen wäre."
"Im Päderastischen zu Hause!" äfft Kolbenhuber seine Frau nach, " da sehen Sie, mein Herr, zu welchen Verbiegungen es kommt, wenn ein solcher Verdacht, unbegründeterweise, ins Kraut schießt. Unser Sohn hat nachweislich, schon als kleines Kind, nur mit Mädchen gespielt."
"Das mag ja," sagt der Friedhofsdirektor, "seinen Drang und Zwang zum ewig Weiblichen außer Frage stellen, was aber haben diese ollen Kamellen mit mir und meinem Gottesacker zu tun?"
"Olle Kamellen!" empört sich die Mutter.
"Gottesacker," greift Kolbenhuber das Stichwort auf. "Sie sind also, wie wir, der Ansicht und Überzeugung, daß über diesem Stückchen Erde der Atem Gottes weht?"
"Schon von Berufs wegen, ja, vielleicht", sagt der Friedhofsdirektor und wischt sich mit der schwarzweißen Krawatte die Stirn.
"Als Gott noch in aller Herzen wurzelte" setzt Kolbenhuber an, "in grauer Vorzeit, im Mittelalter sozusagen, als Pest und Räude, Räude, mein Herr, noch an der Tagesordnung waren, wo hat man die Pesttoten, diese Räudigen, damals zur letzten Ruhe gebettet, wo, mein Herr, an welchen Wegen und Abwegen?"
"Auf dem Pestacker!" ruft die Frau.
"Da hören Sie es," sagt Kolbenhuber, greift ein Lineal und schlägt damit den Takt zu seinen Worten. "Auf dem Pestacker! Vor den Toren der Stadt! Und warum, mein Herr? Warum hat man sie aus den Mauern der Stadt verbannt und im Abseitigen verscharrt?"
"Damit sie nicht überschwappen," ruft die Mutter, "die Abartigen in die Gottseidank Kerngesunden!"
"Was also verlangen Sie von mir?" fragt der Friedhofsdirektor, "welchen Tort soll ich dem jungen Adam und den Eltern des jungen Adam nachträglich noch antun?"
"Wir sind ja gelehrig," sagt Kolbenhuber, "wir haben gelernt, auch das Abartige zu tolerieren. Gern sind wir bereit, unsere Anzeige gegen diesen Adam, den Schmutzfink, wieder zurückzuziehen, wir haben seine Verbrechen an unserem Lothar nämlich noch nachträglich, nachdem er schon leichenmäßig eingesargt war, zu Protokoll gegeben. Aber er muß weg von unserem Sohn!"
"Nein," sagt der Friedhofsdirektor.
Kolbenhuber senkt den Kopf.
"Sie zwingen uns also zum Äußersten?" fragt er.
"Ich kann Ihnen den Vorschlag machen, sich ein sogenanntes Familiengrab zuzulegen, eines mit einer kleinen Kapelle sogar, falls Sie ungestört Einkehr und Andacht halten wollen bei Ihrem lieben Sohn."
"Zum Äußerstem also treiben Sie uns", sagt der Vater.
"Und was ist das für ein Äußerstes, das Sie mir da androhen?"
"Das geht Sie einen Dreck an! Die Toten auf Ihrem Acker werden ihres Lebens nicht mehr froh werden!"
"Sie drohen mir mit Verwüstung, mit Schändung der Grabstätte des jungen Adam?"
"Wir wissen Namen, wir wissen Gräber", sagt Kolbenhuber. "Seit man an Judenfriedhöfe nicht mehr herankommt, weil sie Tag und Nacht bewacht sind, konzentrieren wir uns auf Nebenschauplätze, auf den Feind hinter dem Feind."
"Und an welche Art Feind denken Sie?"
"An all die, die durch ihr schänderisches Leben die Seelen frommer, aber leider leichtverführbarer Knaben, wie unseren Lothar, mit ihrem Seim und Schleim vergiften!"
"Also Krieg?" fragt der Friedhofsdirektor.
"Krieg!" sagt Kolbenhuber, winkt seine Frau vom Stuhl und führt sie zur Tür.
"Und wenn ich Ihnen tatsächlich zu einem bevorzugten Platz auf einem unserer fast gänzlich ausgebuchten Waldfriedhöfe verhelfe, geben Sie dann Ruhe?"
"Adam muß weg von unserem Jungen, oder es gibt Krieg!"
"Dann eben Krieg", sagt der Friedhofsdirektor zum Bronze-Jesus an seinem Bronzekreuz, faltet die Hände und scheucht die Kolbenhubers aus dem Zimmer.
Haben Sie vielen Dank für Ihr Interesse!